Ausgabe März-April 2024

Der Körper in einem reißendem Fluss

Text: Parvathi Ramanathan
Tänzerin, Forscherin und Schriftstellerin, mit gelegentlichen Ausflügen in die Poesie

 

Eine strömender Fluss in den Straßen von Berlin. Ich bewege mich mit ihm. Der mit schweren Regenwolken bedeckte Himmel hält die Menschen nicht davon ab, sich zu versammeln. Wie mäandernde Ströme laufen die Gruppen durch Dutzende von Seitenstraßen, um sich mit dem größeren Fluss zu vereinen. Die Energie der Protestdemonstration schwillt an und schwappt auf die Fußwege über. Über ihnen wehen Palmen und Schals aus den Fenstern und spiegeln sich in den Fahnen und Plakaten, die von diesem Fluss getragen werden. Der Fluss strömt, hält inne und fließt weiter, um neue Strömungen in seinem Weg zu entdecken. Auch ich halte inne und fließe mit ihm. Meine Füße schlurfen in kleinen Schritten vorwärts, eine murmelnde Wasserlandschaft mit eindringlicher  Präsenz.

Was bedeutet es, hier zu sein, wenn man an dort denkt? Was bedeutet es, dieser Körper zu sein, im Verhältnis zu anderen entfernten Körpern, die still liegen oder entwurzelt sind? Ein nagender Gedanke schwebt in der Kehle. Könnte unser Fluss diese Sintflut aufhalten? Selbst die Zungenwurzel kann sich nicht um ihn wickeln, um ihn herauszureißen. Wenn die Zunge außer Reichweite hängt, gibt es Musik und Klang! dhum dhum thak, dhum dhum thak, dhum dhum thak. Das Timbre einer Djembe-Trommel treibt mich schnell voran und plötzlich befinde ich mich in einem anderen Teil dieses fließenden Flusses. Ein vertrautes Gesicht, das ich normalerweise in Frauenkleidern auf der Bühne sehe – hallo – unsere Hände fassen sich kurz. Hier auf der Straße verzieht sich der Mund zu einem Lächeln und verformt sich dann zu einem riesigen kegelförmigen, wütenden Megafon.

Der Fluss wird von Sprechchören und Liedern getragen, die Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit fordern. Worte, bekannte und neue, rollen in meinem Mund. Ein spanischsprachiger Slogan neben dem linken Ohr und ein arabischsprachiger neben dem rechten. Manchmal beginne ich mit dem einen und ende mit dem anderen. Ich neige dazu, die Reime eines deutschen Slogans zu verwechseln. Man versucht, gut zu hören und die Wörter richtig auszusprechen. Schließlich ist dies ein Spiel der richtigen Worte. Um Wörter ringen. Mit Wörtern ringen, nach ihnen greifen, um sie ringen.  Ein befreundeter Choreograf verwendet diesen deutschen Begriff, um das Ringen um eine adäquate Artikulation jeder nuancierten Perspektive in einem kollektiven Raum zu beschreiben.

Die Ungewissheit, wie und was gesagt werden kann, hinterlässt ein Geschwür in meiner Wange. Wird es Konsequenzen geben? Für andere ist es viel, viel schlimmer. Die Flut könnte sie aus dieser Stadt, die lange Zeit ein Zufluchtsort war, vertreiben. Selbst während sich der Diskurs in Deutschland weiterentwickelt, spüre ich um mich herum ein tiefes Gefühl des Schmerzes. Aber der Fluss sammelt sich und kaut an seinem Schmerz. Strudelnder Speichel, Wörter wirbeln. Stimmen hallen und prallen ab, rufen und antworten. Oh, wenn diese Stadt ein Wald wäre, wären wir eine tropische Insel voller kakophonischer Vögel! Mit Volldampf fließen unsere Sätze wie ein Wasserfall nach oben. Wir bestätigen und stimmen zu und wiederholen und wiederholen und wiederholen! Eine andere Stimme meldet sich, wenn man müde wird. Vielleicht ist dieser Wasserkanal doch eine Insel, die von unseren Überzeugungen ebenso überzeugt ist wie die anderen von ihren. Es fühlt sich besser an, in dieser fließenden, sich wandelnden Flussinsel zu sein, als vor einem Bildschirm zu stehen, der schmerzhafte Wahrheiten übermittelt. 4-year-old surv...scroll...viral ramen recipe...scroll...akkusativ pronomen einfach ler...scroll...Before and after aerial photos of...scroll...protest gathering at Hauptba...scroll...Geheimplan gegen...scroll...meine Fingerspitzen zucken im Bewusstsein dessen, was noch halb ungelesen ist. Manchmal geselle ich mich zu anderen Tröpfchen am Rand und wir bilden eine kleine Pfütze. Eingehüllt in mein dickes Wintergewand, bestaune ich die Dame, die Feenflügel trägt. Ihre Federn aus medizinischer Gaze sind mit Namenslisten abgebrochener Spiele in kleine Seitenstreifen gekritzelt.

Unser Fluss fließt in die Seitenstraßen und sickert in die Küchengespräche zwischen vertrauten Menschen. Hier stillen wir Trauer, Mitgefühl und Wut – nicht um sie zu löschen, sondern um unsere Handlungsmöglichkeiten zu nähren. Mein Kopf trifft auf die Schulter einer Freundin und ihr Kopf auf den meinen. Ich höre einen Seufzer in meinem Ohr. Wir atmen gemeinsam.

Ich bücke ich mich bei einer anderen Flüssigkeitsansammlung um das Gras zu berühren, und untersuche meine Hand auf Flecken. Berlin, Deutschland. Seine stolze Erde hat viel erlebt. Was bedeutet es eigentlich hier zu sein wenn man an dort denkt? Es gibt viele "dorts". Hier beginnt eine Gruppe von Kindern die in einem Wagen gezogen werden – nicht älter als acht Jahre alt – Parolen zu rufen. Ihre Gesänge bestehen auf der Gegenwart. Die Zukunft ist weit entfernt. Waffenstillstand jetzt. Wir lächeln zu ihnen hinauf und in den Himmel, der von unserer kollektiven Hoffnung durchtränkt ist.

Ich lasse mich zurückfallen in diesen Fluss der Verbindung und Katharsis.

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